Abschied von der Macht
Bismarck war mit seiner Leistung zufrieden und fühlte sich erschöpft. Er spielte immer wieder mit dem Gedanken eines Rückzugs, wirklich ernst war es ihm damit nicht. Er war zu verliebt in die Macht.
Im Mai 1872 zog er sich für mehrere Monate nach Berlin zurück. Seine gesundheitliche Verfassung war labil – er hatte schmerzhafte Gesichtsneuralgien, rheumatische Beschwerden, Venenentzündungen im linken Bein, Verdauungsstörungen, Hämorrhoiden und Schlaflosigkeit. Zugeschrieben wurde dies der Arbeitsbelastung und der unvernünftigen Lebensweise. Er stopfte sich wahllos zahlreiche Speisen mit mehreren Flaschen Wein hinein. Die Folge war, dass er immer dicker wurde. Ein bayrischer Arzt setzte der Völlerei ein Ende. Bismarck musste eine Diät einhalten, sich im Alkohol- und Tabakkonsum einschränken und viel frische Luft zu sich nehmen. Auch die zunehmende Vereinsamung machte ihm zu schaffen. Vertraute von einst wandten sich nach und nach von ihm ab. Er zog sich in den engeren Familienkreis zurück.
Bismarck war gegenüber Untergebenen und politischen Rivalen misstrauisch, witterte überall Intrigen und Verschwörungen. Wen er verdächtigte, Ambitionen auf das Kanzleramt zu haben, schob er auf das politische Abstellgleis ab. Er hatte es nicht nötig sich Gedanken um eine mögliche Nachfolge zu machen. Es hatte den Anschein, Bismarck wollte eine Kanzlerschaft auf Dauer stellen. Ende der 80er traten vermehrt Zeichen auf, dass seine Zeit abgelaufen war. Der Dreikaiservertrag zerbrach 1881 wegen den Wirren auf dem Balkan 1884/85 und damit spitzten sich die Spannungen in den Kaiserreichen zu. Im Februar / März 1887 förderte Bismarck ein Mittelmeerbündnis zwischen England, Italien und Österreich-Ungarn, welches gegen die Expansionsbestrebungen Russlands angelegt war. Die Kritik in der deutschen Öffentlichkeit an Bismarcks Diplomatie wurde immer lauter. Das Deutsche Reich betrieb eine seiner Wirtschaftspolitik entsprechende dynamische Außenpolitik. Das war die weit verbreitete Stimmung Ende der 80er. Die Militärs und Diplomaten hatten die Idee eines Präventivkrieges. Bismarck lehnte ab, da das Deutsche Reich nicht gewinnen eher alles verlieren würde.
Am 09.03.1888 starb Wilhelm I., Friedrich III. besteigt den preußischen und deutschen Thron. Bismarcks Sorgen richteten sich auf Prinz Wilhelm, nachdem er von der Erkrankung Friedrichs III. erfahren hatte. Friedrich III. regierte Preußen und das Deutsche Reich nur 99 Tage. Prinz Wilhelm ließ vor der Thronbesteigung durchblicken, dass er die Zügel selbst in Hand nehmen wollte. Bismarck fand Wilhelm II. unreif, jung und unzureichend auf das Kaiseramt vorbereitet. Hier zeichnete sich der erste Konflikt zwischen beiden ab. Bismarck griff auf ein Konzept zurück: durch Polarisierung möchte er die innenpolitischen Konflikte anfachen. Wilhelm II. würde am Ende nichts anderes übrig bleiben, als auf den Krisendompteur Bismarck zurück zu greifen. Im Oktober 1889 legte Bismarck im Reichstag ein verschärftes Sozialistengesetz vor. Damit zündete er einen neuen Sprengsatz bei den Nationalliberalen und Konservativen. Wilhelm II. ließ sich nicht auf einen politischen Kampfkurs drängen. Er hatte eher den Willen seine Regierungszeit mit einer Geste der Versöhnung zu beginnen und legte ein Programm zur Verbesserung des Arbeitsschutzes vor. Am 24.01.1890 erfolgte eine Sitzung des Kronrats und es prallten die gegensätzlichen Standpunkte aufeinander. Wilhelm II. verlangte eine Entschärfung des Sozialistengesetzes. Bismarck lehnte ab:
Wenn der Kaiser in einer so wichtigen Frage anderer Meinung sei, so sei er wohl nicht mehr recht an seinem Platz. Es kam zu einem irreparablen Bruch zwischen beiden. Am 18. März 1890 legte Bismarck sein Entlassungsgesuch vor. Bis dahin unternahm er verzweifelte Versuche sich an der Macht zu halten. Es nützte nichts – Wilhelm II. setzte einen Schlusspunkt unter den monatelangen Machtkampf und legte Bismarck den Rücktritt nahe. Bismarcks Entlassungsgesuch war sein letztes, formuliertes Meisterstück. Er schrieb dem Kaiser die ganze Verantwortung für das Zerwürfnis zu, zudem enthielt es einen versteckten Vorwurf an Wilhelm II., dass dieser nur eine zum Krieg treibende Politik betreiben wolle und dafür könne Bismarck ihm nicht die Hand bieten. In der Öffentlichkeit war man erleichtert über den Sturz Bismarcks. „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“ (Theodor Fontane) Das Ausland war allerdings besorgt, da Bismarck ein Garant für eine friedliche Außenpolitik darstellte.
Bismarck zieht sich nach Friedrichsruh / Sachsenwald zurück. Der Abschied am 29.März aus Berlin war für ihn ein Leichenbegräbnis erster Klasse. Es war ein kalter Abschied von der Macht, was kaum anders zu erwarten war: er benutzte Menschen wie Schachfiguren und duldete keine Entwicklung von charaktervollen, politischen Köpfen neben ihm.


