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Bilanz seines Schaffens

BismarckEr dachte nicht daran, sich künftig in der Politik zurück zu halten und sich auf das Altenteil zurück zu ziehen. Nach Wochen seiner Entlassung meldete er sich in zahlreichen Interviews zu Wort. Er knüpfte Kontakte mit den „Hamburger Nachrichten“ und wurde hier das Sprachrohr. Er tarnte die Artikel als redaktionelle Meinungsäußerung, so dass man keinen Rückschluss auf ihn ziehen konnte. Die publizistischen Feldzüge richteten sich gegen seinen Nachfolger General Leo von Caprivi. Caprivi wollte keine Erneuerung des Rückversicherungsvertrag mit Russland. Bismarck sah sein außenpolitisches Werk bedroht und die Gefahr einer Isolierung des Deutschen Reiches. Die Angriffe sollten letztlich den Kaiser selbst treffen. Bismarck hatte ihm nicht verziehen. Johanna stachelte immer wieder den Hass Bismarcks auf Wilhelm II. an.

Im März 1891 wurde Bismarck von den Nationalliberalen eine Kandidatur zur Reichstagswahl im hannoverischen Wahlkreis angetragen und er nahm diese an. Der Kaiser fürchtete ein politisches Comeback Bismarcks und versetzte die Reichshauptstadt in Alarmzustand. Bismarck setzte sich in der Wahl durch, entschied sich jedoch das Mandat nicht auszuüben. In der Zwischenzeit kam es zu einem Umschwung der öffentlichen Wertschätzung Bismarcks. Der Nimbus war nach seiner Entlassung gestiegen. Er erfreute sich größerer Beliebtheit als Wilhelm II. und Wilhelm hatte es nur schwer ertragen.

Im Sommer 1892 fand die Hochzeit des Sohnes Herbert statt und Bismarck reiste nach Wien.

Wilhelm II. befand sich im Kriegzustand mit Bismarck, da Wilhelms Ansehen enorm abträglich war. Er lud Bismarck nach Berlin ein. Am 26.01.1894 wird ein großes Versöhnungsfest zwischen dem Kaiser und Bismarck inszeniert. Die Öffentlichkeit war begeistert. Wilhelm II. stattete Bismarck am 19.02.1894 einen Gegenbesuch in Friedrichsruh ab. Von Versöhnung konnte jedoch keine Rede sein. Im Herbst 1896 wurde in den „Hamburger Nachrichten“ das Geheimnis des Rückversicherungsvertrages mit Russland veröffentlicht. Wilhelm II. erklärte daraufhin, Bismarck wegen Landesverrats nach Spandau bringen zu lassen – er hatte es allerdings nicht ausführen lassen.

Die letzten Jahre Bismarcks wurden immer einsamer. Johanna verstarb am 27.11.1894. Zu seinem 80. Geburtstag lehnte der Reichstag die Zusendung einer Glückwunschadresse ab. Dies war ein Hinweis, wie tief die Mehrheit der Parlamentarier über Bismarcks innenpolitischen Konfliktkurs verbittert war. Ab 1896 ging es mit seiner Gesundheit rapide bergab und er war äußerst reizbar mit langanhaltenden Depressionen. Wilhelm II. stattete ihm am 16.12.1897 einen letzten Besuch ab. Da saß Bismarck bereits im Rollstuhl. Langsam aber unaufhaltsam erlosch sein Lebenswille. Am 30. Juli 1898 gegen 23 Uhr starb Otto von Bismarck. Er liegt mit Johanna im Schlossgarten von Friedrichsruh begraben.

Am 09.03.1888 starb Wilhelm I., Friedrich III. besteigt den preußischen und deutschen Thron. Bismarcks Sorgen richteten sich auf Prinz Wilhelm, nachdem er von der Erkrankung Friedrichs III. erfahren hatte. Friedrich III. regierte Preußen und das Deutsche Reich nur 99 Tage. Prinz Wilhelm ließ vor der Thronbesteigung durchblicken, dass er die Zügel selbst in Hand nehmen wollte. Bismarck fand Wilhelm II. unreif, jung und unzureichend auf das Kaiseramt vorbereitet. Hier zeichnete sich der erste Konflikt zwischen beiden ab. Bismarck griff auf ein Konzept zurück: durch Polarisierung möchte er die innenpolitischen Konflikte anfachen. Wilhelm II. würde am Ende nichts anderes übrig bleiben, als auf den Krisendompteur Bismarck zurück zu greifen. Im Oktober 1889 legte Bismarck im Reichstag ein verschärftes Sozialistengesetz vor. Damit zündete er einen neuen Sprengsatz bei den Nationalliberalen und Konservativen. Wilhelm II. ließ sich nicht auf einen politischen Kampfkurs drängen. Er hatte eher den Willen seine Regierungszeit mit einer Geste der Versöhnung zu beginnen und legte ein Programm zur Verbesserung des Arbeitsschutzes vor. Am 24.01.1890 erfolgte eine Sitzung des Kronrats und es prallten die gegensätzlichen Standpunkte aufeinander. Wilhelm II. verlangte eine Entschärfung des Sozialistengesetzes. Bismarck lehnte ab: Wenn der Kaiser in einer so wichtigen Frage anderer Meinung sei, so sei er wohl nicht mehr recht an seinem Platz. Es kam zu einem irreparablen Bruch zwischen beiden. Am 18. März 1890 legte Bismarck sein Entlassungsgesuch vor. Bis dahin unternahm er verzweifelte Versuche sich an der Macht zu halten. Es nützte nichts – Wilhelm II. setzte einen Schlusspunkt unter den monatelangen Machtkampf und legte Bismarck den Rücktritt nahe. Bismarcks Entlassungsgesuch war sein letztes, formuliertes Meisterstück. Er schrieb dem Kaiser die ganze Verantwortung für das Zerwürfnis zu, zudem enthielt es einen versteckten Vorwurf an Wilhelm II., dass dieser nur eine zum Krieg treibende Politik betreiben wolle und dafür könne Bismarck ihm nicht die Hand bieten. In der Öffentlichkeit war man erleichtert über den Sturz Bismarcks. „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“ (Theodor Fontane) Das Ausland war allerdings besorgt, da Bismarck ein Garant für eine friedliche Außenpolitik darstellte.

Bismarck zieht sich nach Friedrichsruh / Sachsenwald zurück. Der Abschied am 29.März aus Berlin war für ihn ein Leichenbegräbnis erster Klasse. Es war ein kalter Abschied von der Macht, was kaum anders zu erwarten war: er benutzte Menschen wie Schachfiguren und duldete keine Entwicklung von charaktervollen, politischen Köpfen neben ihm.

Nach dem Tod empfanden viele, dass eine Epoche zu Ende ging. Jetzt nahm der Kult um Bismarck ungeahnte Ausmaße an. Die Bismarck-Denkmäler schossen aus dem Boden. Das Monumentbild vom „Eisernen Kanzler“ verschwand.

Bismarcks Kernmaximen: Kunst des Möglichen und eine Wissenschaft des Möglichen gerieten in Vergessenheit.

Bismarck war sehr selbstbewusst. Seine Stärken: Er konnte auf den entscheidenden Moment warten, um dann die einmalige Gunst der Stunde entschlossen auszunutzen.

Er wurde das „Genie des Gegenwärtigen“ genannt und unterschied sich dahingehend von der nachfolgenden Generation wilhelminischer Politiker.

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